Bis 1952 - bevor alles begann...

Die Geschichte des Geländes, auf dem heute unser Stadion steht, beginnt bereits im 19. Jahrhundert. Zu jener Zeit war der heutige Quenz noch kein Teil der Stadt Brandenburg (die Eingemeindung erfolgt erst Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts), sondern mehr oder weniger "grüne Wiese", betrieben wurde hier zu dieser Zeit lediglich Landwirtschaft. Und so war es auch ein Gutshof ("Wilhelmshof"), der ab etwa 1830 die erste bekannte Bebauung des heutigen Stadiongeländes darstellte. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts siedelten sich nach und nach weitere Unternehmen in der unmittelbaren Nachbarschaft an, so z.B. eine Ziegelei (es gab größere Tonvorkommen am Quenzsee) und eine Kiesgrube.

Richtig interessant wurde der Standort ab 1910. In diesem Jahr wurde der Silokanal (ein Teilstück des Mittellandkanals) fertiggestellt, plötzlich war der Quenz verkehrgünstig sehr gut gelegen. Die Magdeburger Landstraße (bis in die 60er Jahre hinein nur eine schmale und mit Kopfsteinpflaster versehene Straße) war bereits vorher ein wichtiger Handelsweg, nun kam auch noch die günstige Anbindung über den Wasserweg hinzu. Dies zog wiederum die wahrscheinlich größte Veränderung in der Geschichte des Stadtteils nach sich: im Jahre 1912 siedelte sich hier das Stahlwerk an, genau zwischen Magdeburger Landstraße und Silokanal gelegen. In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche neue Wohnhäuser für die vielen Arbeiter, der Quenz bekam mehr und mehr einen städtischen Charakter.

Einen Einschnitt in das Leben aller Deutschen bedeutete das Jahr 1914 - der erste Weltkrieg brach aus. Deutsche Soldaten rückten in zahlreiche Länder Europas ein und machten zahlreiche Kriegsgefangene. Und was passiert mit den Gefangenen? Man sperrt sie ein. Eines der zahlreichen Kriegsgefangenenlager in Deutschland entstand bereits im Oktober 1914, und zwar genau auf dem Gelände des früheren Wilhelmshofes. Das Lager erstreckte sich fast vom Ufer des Quenzsees entlang der Magdeburger Landstraße bis hin zum heutigen Stadiongelände. Tausende Kriegsgefangene hausten hier in Baracken, bis das Lager im Jahre 1918 zum Ende des Krieges hin aufgelöst und im November 1918 eingeebnet wurde.

 

 

Das erste Lager am Quenz, circa 1917.

Das Gelände fiel unterdessen an die Brandenburger Flugzeugwerke. Zur Bebauung in den nun folgenden Jahren ist wenig bekannt. Fest steht, dass ab 1937 ein neues Lager entstand, dieses mal praktisch exakt auf dem heutigen Stadiongelände. In den ersten Jahren seines Bestehens diente das neue Barackenlager als Unterkunft für Arbeiter aus dem Stahlwerk, ab Kriegsbeginn dann als Kriegsgefangenenlager. Das Gebiet westlich vom Stadion (also hinter der heutigen Gegentribüne, die andere Straßenseite der Woltersdorfer Straße) wurde in den Jahren zwischen 1918 und 1937 mit Einfamilienhäusern bebaut. Bis 1943 wuchs das Lager von Jahr zu Jahr weiter, geschuldet war dies der ständig wachsenden Zahl an Kriegsgefangenen. Es ist urkundlich überliefert, dass die Häftlinge zum Teil auch als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde. Wo genau, war bislang nicht nachzuvollziehen, es liegt aber die Vermutung nahe, dass dies im Stahlwerk geschah.

Auf der unten angebildeten Luftaufnahme aus dem August 1944 erkennt man hervorragend die Lage des Lagers an der Stelle des heutigen Stadions. Sehr gut auszumachen sind auch verschiedene Straßenzüge, die bis heute praktisch unverändert bestehen, die damals noch einige Meter weiter östlich befindliche Quenzbrücke und natürlich das Stahlwerk, dessen Hallen früher parallel zur Magdeburger Landstraße, ab 1952 parallel zum Silokanal standen.

In verschiedenen Quellen ist davon die Rede, dass sich vor dem Bau des Stadions an dieser Stelle neben dem Lager auch ein Bauernhof befand. Die vorliegenden Luftaufnahmen lassen einen Bauernhof nicht mehr erkennen - es ist also davon auszugehen, dass damit der Wilhelmshof gemeint ist, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs bereits Geschichte war.

Mit Ende des Kriegs endete für die ausländischen Kriegsgefangenen natürlich die Gefangenschaft im Brandenburger Lager. Das Ende des Lagers bedeutete dies jedoch trotzdem nicht, denn von nun an wurde es unter Sowjetischer Führung weiterbetrieben. Zum Einen diente es als "Heimkehrerlager" für Deutsche Kriegsgefangene, zum Anderen als Durchgangslager für die zahlreichen vertriebenen Deutschen aus den früheren Ostgebieten. Über die gesamte Zeit verteilt lebten mehrere zehntausend Menschen im Lager. Nutzlos waren die Baracken aber auch nach der Auflösung des Lagers unter sowjetischer Aufsicht trotzdem noch nicht - als nämlich im Jahre 1950 mit dem Wiederaufbau des Stahlwerks begonnen wurde, mangelte es an Wohnraum für die mehreren tausend benötigten Arbeiter. Was lag also näher, als die Baracken des Lagers dafür zu nutzen? Auf diese Art und Weise kam das frühere Kriegsgefangenenlager in den letzten Jahren seines Bestehens noch in den Genuß der zivilen Nutzung.

Erst im Jahre 1951 war dann das endgültige Ende des Lagers auf dem Quenz gekommen. Die Baracken und das gesamte Lagergelände wurden eingeebnet - zurück blieb eine riesige Menge Schutt. Schutt, aus dem man ganz wunderbar Wälle für ein Stadion bauen konnte...