25 JAHRE STAHL BRANDENBURG IN EUROPA!

 

Am 05.11.2011 jährt sich zum 25. mal der größte Erfolg unseres FC Stahl. Genau vor 25 Jahren spielte Stahl Brandenburg in der 2. Runde des UEFA-Cup gegen den späteren Sieger des Wettbewerbs, IFK Göteborg aus Schweden. Aus diesem Anlass möchte ich noch einmal die unvergessenen Europapokal-Tage vor einem Vierteljahrhundert Revue passieren lassen.

Einige wirklich schöne Fundstücke in diesem Zusammenhang findet Ihr in der neu angelegten Galerie.

Noch heute schwärmt jeder, der dabei war, von einem einmaligen Erlebnis – denn auch wenn es an jenem Tag nicht zum Weiterkommen reichte, war es ein historischer Tag für die Sportgeschichte unserer Stadt. Nie zuvor und nie wieder danach sollten so viele Zuschauer wie an diesem Tag zu einem Fußballspiel in Brandenburg kommen. Auch wenn die offiziellen Angaben es nicht verraten (angegeben wurden 15.500 Zuschauer), so waren es nach inoffiziellen Angaben doch deutlich mehr. Viele berichteten von „mindestens 20.000“, genau herauszufinden wird das leider nie sein. Herauszufinden war jedoch, wieviele Tickets denn tatsächlich (oder sagen wir mal: offiziell) verkauft worden sind: die Original Abrechnungen von jenem Spiel sind mir durch einen glücklichen Zufall vor Kurzem in die Hände gefallen, natürlich möchte ich Euch diese nicht vorenthalten. Demnach wurden sogar nur 15.223 Eintrittskarten verkauft, die Differenz zur offiziellen Zuschauerzahl wurde als Freikarten abgegeben. Ob tatsächlich nur diese Anzahl an Tickets verkauft wurde, bleibt ebenfalls unklar – mich persönlich macht beispielsweise die Anzahl der verkauften Programmhefte (nur 8.500 Stück – und bis heute ist das Heft äußerst leicht zu bekommen) ein wenig skeptisch. Durchaus möglich also, dass ein paar Mark „schwarz“ eingenommen wurden, damit auch beim Verein etwas hängenbleibt, denn die offiziell erzielten Gewinne durfte die BSG Stahl komplett an den Fußballverband der DDR weiterreichen…

Natürlich ist es schwer, über dieses große Kapitel unserer Vereinsgeschichte noch viele Worte zu finden, die nicht schon tausend mal gefallen sind. Aus genau diesem Grund hier noch einmal der entsprechende Absatz über unsere „Europapokal-Story“ aus dem Bericht über die 80er Jahre.

Ich steige ein am Ende der Saison 1985/86:

[…]

"Während sämtliche Konkurrenten auf den Einbruch der Stahl-Elf warteten (und warteten und warteten…), passierte das, womit wohl niemand mit klarem Verstand vorher rechnen konnte. Stahl Brandenburg schloss die zweite Saison in der DDR-Oberliga als Tabellenfünfter ab. Und obwohl die Saison bereits am 24.05. beendet wurde, zitterte man in Brandenburg auch noch eine Woche später… Denn an diesem 31.05.1985 sollte Historisches passieren: im FDGB-Pokal-Finale in Berlin schlug der 1.FC Lokomotive Leipzig den 1.FC Union Berlin mit 5:1, qualifizierte sich für den Europapokal der Pokalsieger und musste somit als gleichzeitiger Oberliga-2. und Pokalsieger keinen UEFA-Cup-Platz in Anspruch nehmen. Als Meister war der BFC Dynamo natürlich für den Landesmeister-Cup gesetzt, Lok als 2. spielte wie gesagt im Pokalsieger-Wettbewerb und die drei UEFA-Cup-Startplätze der DDR gingen an die Plätze 3 (Carl-Zeiss Jena), 4 (1.FC Magdeburg) und 5… Stahl Brandenburg hatte sich für den UEFA-Cup qualifiziert!!!!

Die Qualifikation für’s internationale Geschäft bedeutete auch die Fortsetzung einer Tradition am Quenz: mit dem Erreichen einer neuen sportlichen Dimension wurde im Stadion einmal mehr gebaut. Dieses Mal sollte es eine elektronische Anzeigetafel werden, die künftig die Tore im Stadion anzeigen sollte. Unter dem Arbeitstitel „Projekt Sportplatzanzeige“ (sehr hübsch: genau so wurden die dicken Aktenordner, die die Bedienungsanleitung und Baupläne enthielten, beschriftet) wurde innerhalb kürzester Zeit die auch heute noch das Stadionbild mitprägende Anzeigetafel errichtet. Insgesamt 2.450 Glühbirnen auf 70 Buchstaben- bzw. Zahlenfeldern in einem blauen Gehäuse leuchteten zum ersten mal am 27.09.1986 (beim 2:1 Heimsieg gegen Rot-Weiß Erfurt), und nur 4 Tage später feierte das Stadion inklusive der Anzeigetafel sein UEFA-Cup-Debüt… 

In den Wochen vor der Auslosung hoffte man in der ganzen Stadt natürlich auf einen großen Gegner. FC Barcelona, Atletico Madrid, Inter Mailand, SSC Neapel, Borussia Mönchengladbach oder Werder Bremen waren mögliche Gegner, doch zum Auftakt gab es erst einmal einen Kontrahenten, der nicht zwangsläufig die Endstation sein musste: am 10.07.86 wurde in Zürich der Coleraine FC aus Nordirland als Gegner der BSG Stahl ausgelost. Die Nordiren verfügten aus 11 vorherigen Teilnahmen am Messecup und Europacup bereits über einige internationale Erfahrung, kamen aber bei Gegnern wie Feyenoord Rotterdam, Eintracht Frankfurt oder Dynamo Kiew nie über die erste Runde hinaus. Man machte sich also durchaus Hoffnung in Nordirland, dies gegen den UEFA-Cup-Neuling aus der DDR zu ändern... Doch schon im Hinspiel erreichte Stahl in  "The Showgrounds" ein 1:1 (Torschütze: Janotta), für Stahl Brandenburg bedeutete dies die etwas bessere Ausgangsposition für das Rückspiel. Die Erwartungen an dieses Spiel waren demnach in Brandenburg natürlich riesig, und selbstverständlich wurde mit einem ausverkauften Stadion gerechnet. Es dauerte schließlich auch nicht lang, bis die 15.500 Tickets ausverkauft waren.

Letztendlich war es an diesem Tag fast so wie immer, nur eben eine Klasse größer, schöner und euphorischer. Es gab etwas ausführlichere und im Layout geänderte Programmhefte (auf denen übrigens „Stadion der Stahlwerker“ zu lesen war – der nie offiziell erfolgten Namensweihe sei es gedankt), zum Einmarsch der Mannschaften flogen tausende Papierrollen aus der Südkurve Richtung Spielfeld, 15.500 Zuschauer peitschten die Stahl-Elf, die zum ersten mal in weißen adidas-Trikots antrat, unaufhörlich nach vorne und unsere Jungs kannten wie immer nur eine Richtung: nach vorne, immer auf's gegnerische Tor. Am Ende sollten es 22:2 Torschüsse sein, die Stahl herausspielte, als Endergebnis reichte es jedoch "nur" zu einem 1:0. Egal, Stahl Brandenburg hatte ein begeisterndes Spiel abgeliefert und die zweite Runde im UEFA-Cup erreicht, und Frank Jeske machte sich mit seinem Tor an diesem Tag endgültig unsterblich. Und man hinterließ auch einen bleibenden Eindruck bei den Gästen aus Nordirland, wie die Aussage vom damaligen Club-Manager des FC Coleraine 20 Jahre später belegt: „Ich erinnere mich an ein kleines Stadion in Brandenburg, brechend voll mit absolut fanatischen Zuschauern…“. Vom „kleinen Stadion“ mal abgesehen: Recht hat er, der gute Mann! Schon an diesem Tag wurde inoffiziell das Fassungsvermögen von 15.500 überschritten (über 16.000 sollen es gewesen sein, offiziell angegeben wurden 15.500), aber der Höhepunkt der Euphorie stand dem Verein erst noch bevor.

In der zweiten Runde sollte es für Stahl nämlich knüppeldick kommen. Das Los bescherte uns den UEFA-Cup-Sieger von 1982, das schwedische Spitzenteam IFK Göteborg, als Gegner. In der Form der vergangenen Monate erschien selbst dieser „Brocken“ als nicht unbezwingbar, doch als sich nacheinander praktisch das komplette Mittelfeld unserer BSG verletzte (mit Eberhard Janotta und Andreas Lindner fehlten die wichtigsten Stützen, dazu kam Uwe Ferl), schwanden die Chancen schon vor dem Hinspiel. Letztendlich sollte es auch so kommen, dass sich des Fehlen dieser wichtigen Spieler bemerkbar machte – vor 7.000 Zuschauern im "Nya Ullevi" (hier spielte IFK international und die Top-Spiele in der Allsvenskan, während im „Gamla Ullevi“ – nur wenige hundert Meter entfernt – der Ligaalltag stattfand) brauchte Stahl etwas Zeit, sich auf dem Platz zu finden, und so lag man nach 21 Minuten bereits mit 0:2 hinten. Frank Jeske ließ in der Folge noch 3 Chancen liegen, in der Defensive ließ man jedoch anschließend auch nichts mehr anbrennen – aber auch mit einem 0:2 im Hinspiel waren die Voraussetzungen für ein Weiterkommen nicht die besten. Wieder war die Begeisterung riesengroß, und wieder waren die 15.500 Eintrittskarten in Windeseile vergriffen, die "Begrenzung" von 5 Tickets pro Person im freien Verkauf konnte daran nicht viel ändern. Wie viele Zuschauer sich letztendlich an jenem 5.11.86 im Stadion befanden, wird wohl nie herauszufinden sein – fest steht nur, dass neben den Besuchern mit einem Ticket auch noch viele andere, die ohne Karte zum Stadion kamen, auf verschiedenen Wegen Einlass fanden. Ganz gleich ob sie über den Zaun kletterten oder einem Ordnern (diese erhielten an diesem Tag für ihren Einsatz zwischen 7 und 12 Mark) am Eingang einen Schein zusteckten, um noch hineinzukommen… Es war brechend voll an diesem Tag, und so schwanken die Schätzungen der tatsächlichen Zuschauerzahl zwischen 16.000 und über 20.000. Und selbst wenn der offizielle Zuschauerrekord bereits im April des gleichen Jahres aufgestellt wurde, so kann man trotzdem mit gutem Gewissen sagen, dass es im Stahlstadion nie zuvor und wie wieder danach so voll werden sollte wie an diesem Tag.

IFK Göteborg war natürlich der große Favorit für das Rückspiel, doch die Hürde Stahl Brandenburg nahm man nicht auf die leichte Schulter. Mit „voller Kapelle“, gespickt mit etlichen Nationalspielern Schwedens und Finnlands, reisten sie in die DDR. Und in Brandenburg wurden sie, wie mir im Jahre 2001 der damalige Torwart der Schweden Thomas Wernersson am Rande des Spiels IFK Göteborg – IF Elfsborg erzählte, sehr herzlich empfangen. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, dass die Gäste um Kaffee für die Mannschaft baten. An sich nichts Ungewöhnliches, aber in der DDR der 80er Jahre durchaus ein größeres Problem, war doch Kaffee ein ebenso schwer zu bekommendes wie teures (125g kosteten im Schnitt ca. 8,75M) Gut, und so dauerte es eine ganze Weile, bis den Gästen zumindest der leichter zu bekommende – dafür aber auch beinahe ungenießbare – Instantkaffee gebracht werden konnte. Auch an das rappelvolle Stadion erinnerte er sich lebhaft: „it was really overcrowded“.

Sportlich ist die Geschichte des Spiels schnell erzählt, Göteborg ging früh (21.) durch Rantanen in Führung und war damit praktisch weiter, Stahl hätte nun 4 Tore für’s Weiterkommen benötigt. Jan Voß gelang noch vor der Pause zumindest der Ausgleich, doch das sollte es dann auch gewesen sein – Stahl Brandenburg war ausgeschieden und verabschiedete sich, leider dauerhaft, ehrenhaft aus dem Europapokal… Ein kleiner Trost sollte es für die Spieler und Fans von Stahl Brandenburg sein, als IFK Göteborg seinen Siegeszug durch Europa fortsetzte und feststand, dass man gegen den späteren UEFA-Cup-Sieger ausgeschieden war…“

 

 

Auf Ewig bleiben die Namen der Europapokal-Helden in unseren Herzen. Ihnen zum Dank und zur Ehre hier noch einmal die Spielstatistiken der 4 UEFA-Cup-Spiele der BSG Stahl Brandenburg:  

 

Erste Runde:

 

17.9.1986, Coleraine (Nordirland) - The Showgrounds

Coleraine FC - BSG Stahl Brandenburg 1:1 (0:0)

Stahl Brandenburg: Detlef Zimmer - Christoph Ringk - Eckhard Märzke, Jens Pahlke,

Winfried Kräuter, Ingolf Pfahl - Roland Gumtz, Eberhard Janotta, Andreas Lindner - 

Peter Schoknecht (63. Uwe Ferl), Jan Voß - Trainer: Peter Kohl.

Tore: 0:1 Eberhard Janotta (50.) und 1:1 Healy (78., Elfmeter).

Schiedsrichter: Gilson (Luxemburg). Zuschauer: 3.000

 

 

1.10.1986, Brandenburg - Stahl-Stadion

BSG Stahl Brandenburg - Coleraine FC 1:0 (1:0).

Stahl Brandenburg: Detlef Zimmer - Christoph Ringk - Eckhard Märzke, Jens Pahlke,

Silvio Demuth - Uwe Ferl (88. Mike Wangerin), Roland Gumtz (70. Peter Schoknecht),

Eberhard Janotta, Ingolf Pfahl - Jan Voß, Frank Jeske - Trainer: Peter Kohl.

Tor: 1:0 Frank Jeske (41.).

Schiedsrichter: Kaj Natri (Finnland). Zuschauer: 15.500 (offiziell, inoffiziell mehr)

 

Zweite Runde:

 

22.10.1986, Göteborg (Schweden) - Nya Ullevi Stadion.

IFK Göteborg - BSG Stahl Brandenburg 2:0 (2:0).

Stahl Brandenburg: Detlef Zimmer - Christoph Ringk - Eckhard Märzke, Jens Pahlke,

Winfried Kräuter, Silvio Demuth - Bernd Kubowitz (55. Timo Lange), Roland Gumtz,

Ingolf Pfahl - Jan Voß, Frank Jeske (81. Peter Schoknecht) - Trainer: Peter Kohl.

Tore: 1:0 K Rantanen (12.) und 2:0 Larsson (21.)

Schiedsrichter: Valery Butenko (Sowjetunion). Zuschauer: 7.000

 

5.11.1986, Brandenburg - Stahl-Stadion.

BSG Stahl Brandenburg (GDR) - IFK Göteborg (SWE)  1:1 (1:1).

 

Stahl Brandenburg: Detlef Zimmer - Christoph Ringk - Eckhard Märzke, Jens Pahlke,

Silvio Demuth - Roland Gumtz, Timo Lange (76. Uwe Kirchner), Frank Jeske, Ingolf

 

 

Pfahl (52. Bernd Kubowitz) - Jan Voß, Peter Schoknecht - Trainer: Peter Kohl.

Tore: 0:1 K Rantanen (21.) und 1:1 Jan Voß (42.).

 

Schiedsrichter: Frederick McKnight (Nordirland). Zuschauer: 15.500 (offiziell, inoffiziell mehr)