Die 80er Jahre sollten die Jahre des größten Erfolgs in der Geschichte von Stahl Brandenburg werden. Nach mehreren Jahrzehnten in den Niederungen der Bezirksliga und der DDR-Liga und der stetig wachsenden Förderung durch den Trägerbetrieb sollten nun wahrlich aufregende, unvergessliche und vor allem goldene Zeiten anbrechen.

Die Oberliga ruft…

Bereits zu Beginn des Jahrzehnts deutete sich mehr und mehr an, dass sich die BSG Stahl in der Spitzengruppe der Liga festbeißen wollte. Die Saison 79/80 schloss man als Tabellen-Vierter ab, während sich bei einem Zuschauerschnitt von nur 786 das Interesse der Brandenburger doch noch eher im Rahmen hielt. Doch bereits in den beiden Jahren darauf, die Stahl jeweils auf Platz 5 beendete, stieg der Zuschauerzuspruch bereits über 1.372 (80/81) auf 1.713 in der Saison 81/82. Die nun folgende Spielzeit 1982/83 sollte schließlich einen ersten Vorgeschmack auf das geben, was in den kommenden Jahren folgen sollte: Stahl Brandenburg belegte in der Abschlusstabelle souverän Platz 1 der Liga-Staffel B und erreichte nach 13 Jahren Liga-Zugehörigkeit erstmals die Aufstiegsrunde zur DDR-Oberliga. Einen großen Anteil daran hatte übrigens ein gewisser Frank Jeske, der vor der Saison aus Hennigsdorf an den Quenz gewechselt war und auf Anhieb 12 Tore (in einer 12er Liga mit nur 22 Spieltagen) erzielte. Nachdem bereits in der Liga-Saison der Zuschauerschnitt auf 2.754 angestiegen war, standen nun - zumindest vom Rahmen her - echte Festtage an, in der Aufstiegsrunde verfolgten durchschnittlich 6.400 Fans die Heimspiele der Stahl-Elf, beim Auswärtsspiel gegen Chemie Leipzig sogar 20.000. Und auch wenn es mit dem Aufstieg noch nicht klappen sollte (Stahl wurde 3. von 5), so hatte man doch Blut geleckt und schielte fortan intensiv nach oben. Nebenbei gab es im Sommer 1983 nach 12 Jahren mal wieder kleinere Baumaßnahmen am Quenz, die Tribüne wurde mit den dunkelgrauen Rückwänden und dem ebenso dunkelgrauen Dach neu eingedeckt. In der Saison 1983/84 konnte der Erfolg des Staffelsiegs wiederholt werden (Zuschauerschnitt: 3.300), zum zweiten Mal in Folge wurde also die Aufstiegsrunde zur Oberliga erreicht. Und wieder gab es eine riesige Euphorie, die die Stahl-Elf wie auf einer Welle Richtung Erstklassigkeit tragen sollte. Bei allen Spielen kamen 6.000 Zuschauer oder mehr, den Höhepunkt stellten dabei natürlich die Spiele gegen Sachsenring Zwickau (1:0 vor 11.000 Zuschauern) und Dynamo Schwerin dar, als vor 10.000 Zuschauern das 6:1 und der Aufstieg euphorisch gefeiert wurden - bereits vor dem Spiel gab es die Ehrung der Spieler auf dem Rasen inklusive Ehrenrunde (der Aufstieg wurde bereits eine Woche zuvor beim Auswärtsspiel in Zwickau perfekt gemacht), und nach dem Spiel feierten Fans und Spieler gemeinsam auf dem Rasen. Jung und Alt lagen sich in den Armen und so mancher Stahl-Spieler durfte an diesem Tag ohne sein Trikot den Weg zurück in die Kabine antreten.
Beinahe hätten die Heimspiele jener Aufstiegsrunde jedoch nicht im Stahlstadion stattgefunden. Warum? Nun ja, ein wenig Spannung möchte ich doch noch aufrecht erhalten, die Auflösung findet Ihr irgendwo weiter hinten in diesem Text... ;-)

…und Stahl Brandenburg kommt!

1984 wurde also das Tor zu einer ganz neuen Welt aufgestoßen: zum ersten mal in der Geschichte der Stadt Brandenburg spielte ein Verein aus unserer Stadt in einer eingleisigen ersten Liga (in den 40ern spielte der Brandenburger Ballspiel-Club in der aus 16 Staffeln bestehenden Gau-Liga, die zu diesem Zeitpunkt die höchste deutsche Liga darstellte), ab sofort hießen die Gegner Dynamo Dresden, BFC Dynamo, Lok Leipzig, Rot-Weiß Erfurt oder 1.FC Magdeburg. Gegen den einzigen Europapokalsieger der DDR (der 1.FCM schlug 1974 den AC Mailand mit 2:0 im Finale in Rotterdam) durfte Stahl auch gleich am 1. Spieltag antreten, und zum zweiten mal in der Geschichte des Stadions wurde „ausverkauft“ gemeldet – nun allerdings bei 15.500 Zuschauern, während das Stadion 1967 beim FDGB-Pokal-Finale bereits mit 10.000 Zuschauern komplett gefüllt war. Die 15.500 Zuschauer sorgten auch direkt für eine einmalige Stimmung, und trotz des ernüchternden Resultats – es setze eine herbe 1:5 Niederlage – merkte man in Brandenburg, dass man im Konzert der Großen angekommen war. Der große Fußball sollte für die kommenden Jahre am Quenz der ständige Gast sein… Glücklicherweise blieb die Klatsche am ersten Spieltag eine echte Ausnahme, bereits am 2. Spieltag holte Stahl etwas überraschend die ersten Punkte (2:1 Sieg in Erfurt) und auch ansonsten war man nicht der erwartete Punktelieferant: Stahl Brandenburg etablierte sich und landete letztendlich auf Platz 11.
Natürlich machte sich der Aufstieg in die höchste Liga des Landes auch am Stadion bemerkbar. Nachdem seit dem Ausbau 1971 keine wesentlichen baulichen Veränderungen mehr erfolgten, wurde das Stahlstadion im Laufe der Saison für die Oberliga "fitgemacht". Die Nordkurve wurde ausgebaut, aus dem Graswall wurden die noch heute bekannten Stehränge. In der Südkurve kamen zu den bislang vorhandenen 7 Stufen weitere 3 Stufen hinzu und im gesamten Stadion ersetzte der noch vielen bekannte Drahtzaun das einfache Geländer, das bis zum Aufstieg ausgereicht hatte. Die „Krönung“ stellte jedoch der Bau der neuen Haupttribüne dar, die seit dieser Zeit unverändert dem Stadion einen wichtigen Teil seines Gesichts gibt. Das bisher bestehende Marathon-Tor blieb dabei bestehen, genau wie die bereits vorhandenen Sitzplätze – man baute die Tribüne einfach hinter die Sitzplätze und überbaute das Marathon-Tor, so dass die unterste Sitzreihe in etwa 3,5m Höhe beginnt. Insgesamt 800 Plätze entstanden unter dem charakteristischen Giebel-Dach, durch einige gleichzeitig wegfallende Stehplätze wurde das bis heute gültige Fassungsvermögen von 15.500 Plätzen erreicht (wie am ersten Spieltag die offizielle Zuschauerzahl von 15.500 erreicht wurde, konnte ich bislang noch nicht klären - die Bauarbeiten waren zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch lange nicht abgeschlossen). Das Stahlstadion war nun also endgültig ein absolutes Schmuckkästchen geworden. Ausgerüstet mit (fast) allem, was ein modernes Stadion dieser Zeit brauchte, top gepflegt, absolut individuell und trotz der Laufbahn wegen seiner tollen Atmosphäre gefürchtet.
Spätestens nach dem geglückten Klassenerhalt 1985, den viele nicht für möglich gehalten hatten, und dem Ausbau des Stadions war Stahl Brandenburg eine feste Institution in der Stadt und Woche für Woche das Stadtgespräch. - Ein Zuschauerschnitt von 10.615 bereits in der ersten Saison spricht hierbei wohl Bände! Das Stahlwerk florierte in diesen Jahren und mit Hans-Joachim Lauck stand noch immer ein Mann an der Spitze des Werkes, der seine BSG immer stärker förderte. Er war es auch, der mit Hilfe seines politischen Einflusses Spieler wie Detlev Zimmer oder Christoph Ringk, die in anderen Vereinen aus politischen Gründen ausgemustert worden waren, an den Quenz lotste und damit maßgeblich die Oberliga-Mannschaft verstärkte. Und gerade in der Saison 1985/86 sollte sich bemerkbar machen, wie stark unsere Elf mittlerweile geworden war. Man eilte von Sieg zu Sieg und machte das Stahlstadion zur echten Festung (die einzige Heimniederlage setzte es gegen Union Berlin). Bemerkenswert an dieser Saison waren übrigens nicht nur die sensationellen Leistungen der Blau-Weißen und ein wiederholt hoher Zuschauerschnitt (10.962 – der höchste in der Geschichte des Vereins und des Stadions), sondern noch ein weiterer Umstand: In der Rückrunde, am 10.04.1986 beim 1:1 gegen den BFC Dynamo, wurde mit 16.000 Zuschauern (im Stadion wurden sogar 16.200 angesagt) nämlich der bis heute gültige offizielle Zuschauerrekord im Stadion aufgestellt, an diesem Tag wurde zum einzigen male in der Geschichte des Stadions das Fassungsvermögen offiziell überschritten. Und trotzdem sollte es einige Monate später sogar auf den Rängen noch ein Stückchen voller werden…

Das Märchen geht weiter - Stahl Brandenburg im UEFA-Cup!

Während sämtliche Konkurrenten auf den Einbruch der Stahl-Elf warteten (und warteten und warteten…), passierte das, womit wohl niemand mit klarem Verstand vorher rechnen konnte. Stahl Brandenburg schloss die zweite Saison in der DDR-Oberliga als Tabellenfünfter ab. Und obwohl die Saison bereits am 24.05. beendet wurde, zitterte man in Brandenburg auch noch eine Woche später… Denn an diesem 31.05.1985 sollte Historisches passieren: im FDGB-Pokal-Finale in Berlin schlug der 1.FC Lokomotive Leipzig den 1.FC Union Berlin mit 5:1, qualifizierte sich für den Europapokal der Pokalsieger und musste somit als gleichzeitiger Oberliga-2. und Pokalsieger keinen UEFA-Cup-Platz in Anspruch nehmen. Als Meister war der BFC Dynamo natürlich für den Landesmeister-Cup gesetzt, Lok als 2. spielte wie gesagt im Pokalsieger-Wettbewerb und die drei UEFA-Cup-Startplätze der DDR gingen an die Plätze 3 (Carl-Zeiss Jena), 4 (1.FC Magdeburg) und 5… Stahl Brandenburg hatte sich für den UEFA-Cup qualifiziert!!!!
 
Die Qualifikation für’s internationale Geschäft bedeutete auch die Fortsetzung einer Tradition am Quenz: mit dem Erreichen einer neuen sportlichen Dimension wurde im Stadion einmal mehr gebaut. Dieses Mal sollte es eine elektronische Anzeigetafel werden, die künftig die Tore im Stadion anzeigen sollte. Unter dem Arbeitstitel „Projekt Sportplatzanzeige“ (sehr hübsch: genau so wurden die dicken Aktenordner, die die Bedienungsanleitung und Baupläne enthielten, beschriftet) wurde innerhalb kürzester Zeit die auch heute noch das Stadionbild mitprägende Anzeigetafel errichtet. Insgesamt 2.450 Glühbirnen auf 70 Buchstaben- bzw. Zahlenfeldern in einem blauen Gehäuse leuchteten zum ersten mal am 27.09.1986 (beim 2:1 Heimsieg gegen Rot-Weiß Erfurt), und nur 4 Tage später feierte das Stadion inklusive der Anzeigetafel sein UEFA-Cup-Debüt… 
 
In den Wochen vor der Auslosung hoffte man in der ganzen Stadt natürlich auf einen großen Gegner. FC Barcelona, Atletico Madrid, Inter Mailand, SSC Neapel, Borussia Mönchengladbach oder Werder Bremen waren mögliche Gegner, doch zum Auftakt gab es erst einmal einen Kontrahenten, der nicht zwangsläufig die Endstation sein musste: am 10.07.86 wurde in Zürich der Coleraine FC aus Nordirland als Gegner der BSG Stahl ausgelost. Die Nordiren verfügten aus 11 vorherigen Teilnahmen am Messecup und Europacup bereits über einige internationale Erfahrung, kamen aber bei Gegnern wie Feyenoord Rotterdam, Eintracht Frankfurt oder Dynamo Kiew nie über die erste Runde hinaus. Man machte sich also durchaus Hoffnung in Nordirland, dies gegen den UEFA-Cup-Neuling aus der DDR zu ändern... Doch schon im Hinspiel erreichte Stahl in "The Showgrounds" ein 1:1 (Torschütze: Janotta), für Stahl Brandenburg bedeutete dies die etwas bessere Ausgangsposition für das Rückspiel. Die Erwartungen an dieses Spiel waren demnach in Brandenburg natürlich riesig, und selbstverständlich wurde mit einem ausverkauften Stadion gerechnet. Es dauerte schließlich auch nicht lang, bis die 15.500 Tickets ausverkauft waren.
Letztendlich war es an diesem Tag fast so wie immer, nur eben eine Klasse größer, schöner und euphorischer. Es gab etwas ausführlichere und im Layout geänderte Programmhefte (auf denen übrigens „Stadion der Stahlwerker“ zu lesen war – der nie offiziell erfolgten Namensweihe sei es gedankt), zum Einmarsch der Mannschaften flogen tausende Papierrollen aus der Südkurve Richtung Spielfeld, 15.500 Zuschauer peitschten die Stahl-Elf, die zum ersten mal in weißen adidas-Trikots antrat, unaufhörlich nach vorne und unsere Jungs kannten wie immer nur eine Richtung: nach vorne, immer auf's gegnerische Tor. Am Ende sollten es 22:2 Torschüsse sein, die Stahl herausspielte, als Endergebnis reichte es jedoch "nur" zu einem 1:0. Egal, Stahl Brandenburg hatte ein begeisterndes Spiel abgeliefert und die zweite Runde im UEFA-Cup erreicht, und Frank Jeske machte sich mit seinem Tor an diesem Tag endgültig unsterblich. Und man hinterließ auch einen bleibenden Eindruck bei den Gästen aus Nordirland, wie die Aussage vom damaligen Club-Manager des FC Coleraine 20 Jahre später belegt: „Ich erinnere mich an ein kleines Stadion in Brandenburg, brechend voll mit absolut fanatischen Zuschauern…“. Vom „kleinen Stadion“ mal abgesehen: Recht hat er, der gute Mann! Schon an diesem Tag wurde inoffiziell das Fassungsvermögen von 15.500 überschritten (über 16.000 sollen es gewesen sein, offiziell angegeben wurden 15.500), aber der Höhepunkt der Euphorie stand dem Verein erst noch bevor.
In der zweiten Runde sollte es für Stahl nämlich knüppeldick kommen. Das Los bescherte uns den UEFA-Cup-Sieger von 1982, das schwedische Spitzenteam IFK Göteborg, als Gegner. In der Form der vergangenen Monate erschien selbst dieser „Brocken“ als nicht unbezwingbar, doch als sich nacheinander praktisch das komplette Mittelfeld unserer BSG verletzte (mit Eberhard Janotta und Andreas Lindner fehlten die wichtigsten Stützen, dazu kam Uwe Ferl), schwanden die Chancen schon vor dem Hinspiel. Letztendlich sollte es auch so kommen, dass sich des Fehlen dieser wichtigen Spieler bemerkbar machte – vor 7.000 Zuschauern im "Nya Ullevi" (hier spielte IFK international und die Top-Spiele in der Allsvenskan, während im „Gamla Ullevi“ – nur wenige hundert Meter entfernt – der Ligaalltag stattfand) brauchte Stahl etwas Zeit, sich auf dem Platz zu finden, und so lag man nach 21 Minuten bereits mit 0:2 hinten. Frank Jeske ließ in der Folge noch 3 Chancen liegen, in der Defensive ließ man jedoch anschließend auch nichts mehr anbrennen – aber auch mit einem 0:2 im Hinspiel waren die Voraussetzungen für ein Weiterkommen nicht die besten. Wieder war die Begeisterung riesengroß, und wieder waren die 15.500 Eintrittskarten in Windeseile vergriffen, die "Begrenzung" von 5 Tickets pro Person im freien Verkauf konnte daran nicht viel ändern. Wie viele Zuschauer sich letztendlich an jenem 5.11.86 im Stadion befanden, wird wohl nie herauszufinden sein – fest steht nur, dass neben den Besuchern mit einem Ticket auch noch viele andere, die ohne Karte zum Stadion kamen, auf verschiedenen Wegen Einlass fanden. Ganz gleich ob sie über den Zaun kletterten oder einem Ordnern (diese erhielten an diesem Tag für ihren Einsatz zwischen 7 und 12 Mark) am Eingang einen Schein zusteckten, um noch hineinzukommen… Es war brechend voll an diesem Tag, und so schwanken die Schätzungen der tatsächlichen Zuschauerzahl zwischen 16.000 und über 20.000. Und selbst wenn der offizielle Zuschauerrekord bereits im April des gleichen Jahres aufgestellt wurde, so kann man trotzdem mit gutem Gewissen sagen, dass es im Stahlstadion nie zuvor und wie wieder danach so voll werden sollte wie an diesem Tag.
IFK Göteborg war natürlich der große Favorit für das Rückspiel, doch die Hürde Stahl Brandenburg nahm man nicht auf die leichte Schulter. Mit „voller Kapelle“, gespickt mit etlichen Nationalspielern Schwedens und Finnlands, reisten sie in die DDR. Und in Brandenburg wurden sie, wie mir im Jahre 2001 der damalige Torwart der Schweden Thomas Wernersson am Rande des Spiels IFK Göteborg – IF Elfsborg erzählte, sehr herzlich empfangen. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, dass die Gäste um Kaffee für die Mannschaft baten. An sich nichts Ungewöhnliches, aber in der DDR der 80er Jahre durchaus ein größeres Problem, war doch Kaffee ein ebenso schwer zu bekommendes wie teures (125g kosteten im Schnitt ca. 8,75M) Gut, und so dauerte es eine ganze Weile, bis den Gästen zumindest der leichter zu bekommende – dafür aber auch beinahe ungenießbare – Instantkaffee gebracht werden konnte. Auch an das rappelvolle Stadion erinnerte er sich lebhaft: „it was really overcrowded“.
Sportlich ist die Geschichte des Spiels schnell erzählt, Göteborg ging früh (21.) durch Rantanen in Führung und war damit praktisch weiter, Stahl hätte nun 4 Tore für’s Weiterkommen benötigt. Jan Voß gelang noch vor der Pause zumindest der Ausgleich, doch das sollte es dann auch gewesen sein – Stahl Brandenburg war ausgeschieden und verabschiedete sich, leider dauerhaft, ehrenhaft aus dem Europapokal… Ein kleiner Trost sollte es für die Spieler und Fans von Stahl Brandenburg sein, als IFK Göteborg seinen Siegeszug durch Europa fortsetzte und feststand, dass man gegen den späteren UEFA-Cup-Sieger ausgeschieden war…
 
Der Fußballbegeisterung der Brandenburger tat das Ausscheiden natürlich keinen Abbruch, auch in den folgenden Jahren strömten sie in großen Massen ins Stadion. Trotz einiger schwächerer Jahre zwischendurch, in denen Stahl nur im Mittelfeld oder gar im Abstiegskampf feststeckte, kamen doch im Schnitt bis 1989 stets um die 10.000 Zuschauer. Die Stahl-Elf war in der kompletten zweiten Hälfte der 80er eine der Top-Attraktionen der Stadt und die Spieler waren in der Stadt echte Stars. So war es normal, wenn hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum öffentlichen Training kamen und als Autogrammjäger die Spieler belagerten. Und die Spieler verdienten auch wie Stars, Monatsgehälter von bis zu 6.000 Mark im Monat waren keine Seltenheit – im DDR-Fußball stellte dies schon einen Spitzenwert dar! Für die Nachwuchsspieler der BSG war es eine große Freude, wenn sie als Balljungen bei Oberligaspielen eingesetzt wurden und in der Südkurve herrschte stets eine riesige Stimmung. Ab 1988 gab es mitten in der Innenstadt (unter dem Steintorturm) einen Souvenir-Laden der BSG Stahl und in zahlreichen Schulen und an den Arbeitsplätzen war am Montagmorgen das Stahl-Spiel vom Wochenende DAS bestimmende Thema. So mancher Schüler schwänzte für ein Stahl-Spiel auch schon mal die letzten 1-2 Stunden in der Schule (und den jüngeren Besuchern dieser Seite sei gesagt, dass die Schüler in den 80ern samstags noch nicht frei hatten), und genauso gehörte es zu einem jeden Heimspiel, dass Stadionsprecher Bernd Kuhlmey den einen oder anderen Arbeiter aus dem Stahlwerk ausrief, damit dieser sich doch bitte umgehend in seiner Schicht meldet…
 
Als Maradona fast nach Brandenburg kam - oder so ähnlich...
 
Die Saison 86/87 schloss Stahl - vieleicht etwas enttäuschend - nur nur auf dem 9. Platz ab, und trotzdem sollte unser Verein in diesem Jahr einen größten Erfolge der Vereinsgeschichte feiern. Etwas begünstigt durch das Losglück (in den ersten Runden ging es gegen Vorwärts Fünfeichen, ISG Schwerin, Aktivist Brieske/Senftenberg und Stahl Riesa) gelang es, im FDGB-Pokal bis ins Halbfinale vorzudringen. Dort hoffte man natürlich auf ein Heimspiel, denn daheim konnte die BSG Stahl jeden Gegner schlagen. Leider sollte es anders kommen, und so wurde uns als Gegner zwar nur der Zweitligist Hansa Rostock zugelost, das aber auswärts... - und da sah Stahl selten gut aus.
So fuhr man trotzdem guter Hoffnung am 20.05.1987 an die Ostseeküste, um im Volksstadion (das Ostseestadion war mehrere Monate gesperrt, da dort ein neuer Rasen angesät wurde) gegen den FC Hansa anzutreten. Erstmals in der Geschichte unseres Vereins wurde ein Spiel in kompletter Länge und live im DDR-Fernsehen übertragen, so dass auch die daheim gebliebenen Fans die unglückliche 0:1 Niederlage miterlebten. Der große Wurf war leider verpasst, und so durfte am 13.06.1987 Hansa Rostock im Finale vor 47.000 Zuschauern gegen Lok Leipzig antreten. Im Stadion der Weltjugend (Berlin) siegte Leipzig deutlich mit 4:1 (trotz zwischenzeitlicher 1:0 Führung des FC Hansa). An diesem Tag dürften viele Augen in Brandenburg wehmütig nach Berlin gerichtet gewesen sein. Dass Stahl auch im Finale (und damit auf den Gewinn des FDGB-Pokals mit der verbundenen Teilnahme am Europapokal, in der erste Runde hätte Olympique Marseille gewartet) nicht chancenlos gewesen wäre, sollte sich einige Monate später zeigen, als Lok Leipzig in einem legendären Spiel geschlagen wurde...
Die sich anschließende Spielzeit 1987/88 sollte wiederum eine unvergessliche werden – und das im positiven Sinne, allerdings mit einem bittersüßen Beigeschmack. Während man auswärts ungefähr genauso wenig holte wie man es aus den Jahren zuvor gewohnt war (1 Sieg, 3 Unentschieden, 9 Niederlagen), wurde das Stahlstadion in dieser Saison zur absolut uneinnehmbaren Festung. Lediglich Carl-Zeiss Jena (1:1) und dem BFC Dynamo (0:0) gelang es, einen Punkt aus der Havelstadt zu entführen, alle anderen Gegner wurden mehr oder weniger aus dem Stadion gefegt. Stahl spielte gegen jeden Gegner offensiven und begeisternden Fußball, Dynamo Dresden wurde mit 4:1 nach Hause geschickt (Dynamo konnte kein einziges mal in Brandenburg gewinnen!), Wismut Aue mit 5:2 und selbst Angstgegner wie Union Berlin oder Magdeburg wurden geschlagen. Doch am meisten hat sich ein Sieg ins Brandenburger Gedächtnis eingebrannt, den alle Blau-Weißen später jedoch noch bitter bereuen sollten…
4 Spieltage vor Saisonende, am 07.05.1988, kam der Vorjahres-Europapokal-Finalist und Meisterschafts-Kandidat Lokomotive Leipzig mit all seinen Stars und Nationalspielern nach Brandenburg. In einem lebhaften und hochklassigen Spiel stand es nach 89 Minuten 2:2, als die einmal mehr euphorischen Fans (12.500 Zuschauer!) noch einmal Morgenluft witterten. Viele Zuschauer, die sich schon auf den Weg Richtung Ausgang gemacht hatten (damals war eine Nachspielzeit von mehr als einer Minute selten), kehrten noch einmal um, um die vielleicht letzte Torchance des Spiels zu sehen. So auch ich, denn eigentlich wollte mein Großvater – möge er in Frieden ruhen! - mit mir schon zur Straßenbahn, um dem großen Chaos nach dem Spiel zu entgehen. Beinahe hätte ich dadurch die nun folgende legendäre Szene verpasst… Stahl bekam einen Freistoß auf der Nordkurven-Seite zugesprochen. Dieser ging, geschossen von Jan Voß, an der Mauer vorbei, René Müller konnte den Ball nur nach vorne abwehren – genau vor die Füße von Falk Zschiedrich, der im Rücken der Mauer lauerte und den Ball im Netz versenkte. Unglaublicher Jubel brandete auf, 3:2, Lok Leipzig war geschlagen… Der Torjubel gehört zu den intensivsten, die unser Stadion je erleben sollte, und die folgende Ehrenrunde der Stahl-Spieler geriet zum Triumphzug. Dumm nur, dass vor dem Spiel scheinbar niemand die Tabelle genauer studiert hatte. Am Ende der Saison nämlich gab es das böse Erwachen.
Stahl Brandenburg beendete die Saison mit der besten Platzierung der Vereinsgeschichte, auf Platz 4 der DDR-Oberliga – an sich ein riesiger Erfolg, und doch konnte man sich nicht so richtig darüber freuen. Lok Leipzig hatte nämlich die DDR-Meisterschaft nur um 8 Tore verpasst (Meister wurde mal wieder der BFC), außerdem hatte Lok das FDGB-Pokal-Halbfinale im Elfmeterschießen gegen Carl-Zeiss Jena verloren. Daraus ergab sich die bittere Konstellation, dass die DDR-Startplätze im Europapokal wie folgt vergeben wurden: der BFC startete im Landesmeister-Cup, Carl-Zeiss Jena als Verlierer des Pokal-Finals (gegen den BFC) im Pokal-Sieger-Cup. Die beiden Startplätze im UEFA-Cup gingen an Lok Leipzig und Dynamo Dresden, Stahl schaute in die Röhre… Nun erinnerte man sich natürlich wieder an das 3:2 gegen Lok kurz vor Schluss. Wäre dieses Tor nicht gefallen, wäre Lok im Meister-Wettbewerb gestartet, der BFC im Pokalsieger-Cup, Dresden und Stahl im UEFA-Cup. Verdammt… Und was passiert zu allem Überfluss bei der Auslosung zur 2. Runde des UEFA-Cups? Lok Leipzig bekommt den SSC Neapel zugelost und spielt gegen Diego Maradona, den zu dieser Zeit unbestritten weltbesten Fußballer (dass Stahl den FC Aarau in der 1.Runde geschlagen hätte, setzten wohl alle voraus – Lok Leipzig schlug die Schweizer mit 3:0 und 4:0). Die Legende vom Siegtor, das uns 2 Spiele gegen Diego Maradona verhindert hat, war somit geboren, und bis heute ist sie regelmäßig Gesprächsthema am Quenz. Auch überregional ist diese durchaus nette Anekdote den Experten bekannt, und im Juli 2007 widmete das „11 Freunde“ dieser Geschichte sogar einen mehrseitigen Bericht. Titel des Artikels: „Das Tor, das nicht fallen durfte – Als Maradona fast nach Brandenburg kam“. Natürlich gefällt mir die Vorstellung ungemein, dass es fast soweit kam, den großen Diego Maradona, für viele der größte Fußballer aller Zeiten, in „meinem Wohnzimmer“ sehen zu können – schließlich war Maradona neben Männern wie Eberhard Janotta und Detlev Zimmer einer der Hauptgründe für mich, den Fußball lieben zu lernen! Und doch muss an dieser Stelle mit dieser Legende aufgeräumt werden. Der Grund ist ganz einfach. Es ist richtig, dass Lok aufgrund der verpassten Meisterschaft statt Stahl im UEFA-Cup startete. Es ist aber nicht richtig, dass Lok „unseren“ Platz einnahm. Lok nahm nämlich den Platz von Dynamo Dresden ein (UEFA-Cup-Startplatz 1), Carl-Zeiss Jena (als Verlierer des Pokal-Finals gegen den BFC) startete statt dem BFC (die ja nun im Meister-Wettbewerb antreten durften) im Pokalsieger-Cup, und Dynamo Dresden qualifizierte sich für den Platz, den Stahl bekommen hätte (UEFA-Cup-Startplatz 2). Neapel mit Diego wäre demnach in der 2. Runde nicht nach Brandenburg oder Leipzig, sondern nach Dresden gefahren, stattdessen hätte sich Stahl Brandenburg mit dem FC Aberdeen aus Schottland auseinandergesetzt. Ob dann Aberdeen und evtl. auch die folgenden Gegner von Dynamo Dresden für Stahl zu schlagen gewesen wären (2. Runde K.S.V. Wagerem aus Belgien, Achtelfinale AS Rom, Viertelfinale Victoria Bukarest, Halbfinale VfB Stuttgart), kann sich jeder Leser selbst ausmalen…
 
So kam es, dass das bis heute letzte internationale Fußballspiel in unserem Stadion (Freundschaftsspiele von Stahl sowie den Sinnlos-Kick Hertha BSC – Litauen ausgenommen) schon ein Jahr zuvor, am 13.05.1987, stattfand. Die DDR steckte mitten in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1988 und testete vor dem Spiel gegen Island noch einmal gegen einen starken Gegner, und zwar im Stahlstadion gegen die Tschechoslowakei. Nicht dabei waren die Spieler von Lok Leipzig, die an jedem Abend in Athen gegen Ajax Amsterdam zum Finale des Europapokal der Pokalsieger antraten und knapp mit 0:1 verloren (Tor: Marco van Basten). Zudem schreckten wohl auch die hohen Eintrittspreise zahlreiche Leute ab, und so kam es, dass die ohnehin nicht sonderlich beliebte DDR-Nationalelf an diesem Tag vor nur 3.000 Zuschauer kicken durften. So durfte ein Kind beispielsweise satte 2,60M bezahlen (im Vergleich dazu: eine Dauerkarte bei Stahl kostete nur 3,50M), Erwachsene zahlten für den Stehplatz sogar 6,10M (Dauerkarte bei Stahl: 16,00M).
 
Flutlichtgeschichten

Die letzten anderthalb Jahre dieses Jahrzehnts brachten dann leider nicht mehr ganz so den großen Glanz mit sich wie der Zeitraum 1985 bis 1988 – und trotzdem waren es noch immer große Zeiten. Sportlich sackte Stahl mehr oder weniger ins Mittelfeld der Liga ab, auch die Zuschauerzahlen begannen mit der Saison 1988/89 erstmals leicht zu sinken (auf einen Schnitt von 9.346), bevor in der „Wendesaison“ 1989/90 ein wirklicher Einbruch auf nur noch 7.192 im Durchschnitt erfolgte. Im Sommer 1988 war das alles so jedoch noch nicht absehbar, damals sah die Zukunft noch rosig aus. Das Stahlwerk beschäftigte nach wie vor etwa 10.000 Arbeiter, die DDR schien noch lange weiter zu existieren und bei der BSG Stahl gab es keinerlei Zukunftsängste – ganz im Gegenteil! Nachdem beim Ausbau 1970/71 der Bau einer Flutlichtanlage im Stadion noch nicht als notwendig angesehen wurde (man hatte ja die „Funzeln“ auf Platz 2), änderte sich durch den Erfolg der letzten Jahre die Meinung diesbezüglich grundlegend, so dass man sich nun um eine solche Anlage bemühte. Und man sollte sie auch bekommen, denn an Einfluss und Geld mangelte es nicht am Quenz… Und auch zu diesem Thema soll an dieser Stelle mit einem uralten Gerücht aufgeräumt werden. Bis heute hält vor allem in der Lausitz sich die Legende, dass die Flutlichtanlage ursprünglich für das Stadion der Freundschaft in Cottbus bestimmt war, und dass die Masten bereits in Jänschwalde zwischengelagert wurden. Aufgrund der besseren sportlichen Perspektive und etwas Druck aus Brandenburg wurden diese dann aber nach BRB umgeleitet – soweit die bekannten Gerüchte. Bei meinen Recherchen für diese Seite führte ich etliche Gespräche, und dabei wurde auch ganz deutlich, dass die Anlage einzig und allein von Anfang an für das Stahlstadion bestimmt war. „Beweisen“ lässt sich das natürlich nicht, aber ich finde es richtig, über diese Erkenntnisse hier zu berichten. Auch wenn’s mir um die kleine „Dolchstoßlegende“ der Cottbusser ein wenig leid tut!
Bereits im Sommer 1988 wurden schließlich die ersten Fundamente für die riesigen Masten gegossen (gleichzeitig ersetzten Plastikbänke die in die Jahre gekommenen Holzbänke auf der Haupttribünenseite), und im Laufe der Saison wurden auch die in Parchim hergestellten Masten gesetzt. Waren diese anfangs noch „kahl“, so kamen nach und nach die einzelnen Lampen (pro Stück mit einem Gewicht von knapp 20 kg!) hinzu. Die Vorfreude auf große Heimspiel-Schlachten unter Flutlicht wuchs, es fehlten nur noch einige Anschlüsse an das Stromnetz. Die noch heute fast unveränderte (nur zahlreiche Pappeln verschwanden in den letzten Jahren) Silhouette des Stadions war endlich komplett! Angesichts der riesigen Anlage – mit 2.000 Lux wäre sie die zweitstärkste Anlage in ganz Deutschland (DDR und BRD!) gewesen – flachsten viele Brandenburger bereits, dass wahrscheinlich in der halben Stadt das Licht ausgeht, wenn das Flutlicht eingeschaltet wird. Doch leider sollte diese Anlage nie mit voller Leistung in Betrieb genommen werden, denn nachdem sich im Laufe des Jahres 1989 die Inbetriebnahme etwas hinauszögerte, fiel in Berlin die Mauer und über Nacht war alles anders. Niemand wusste, wie es weitergeht, und in der allgemeinen herrschenden Verunsicherung wurde die endgültige Fertigstellung der Anlage auf Eis gelegt. Bis zum ersten Heimspiel von Stahl Brandenburg unter Flutlicht sollte es dadurch noch einige Jahre dauern…
 
Das Jahrzehnt endete also mit Veränderungen, die weitreichender kaum hätten sein können. 52 Tage vor Ende des Jahrzehnts war die Mauer plötzlich nur noch Geschichte, und die Hoffnung auf erfolgreiche 90er Jahre mischte sich mit einer latenten Angst und Ungewissheit vor dem, was da kommen mochte. Doch dazu mehr im nächsten Teil!
 
 
Ach ja, ich wollte ja noch die Frage aufklären, warum Stahl die Aufstiegsspiele zur DDR-Oberliga beinahe nicht im "Stahlstadion" ausgetragen hätte : Am 07. April 1982 starb der ehemalige Brandenburger Oberbürgermeister Max Herm. 1932 wurde Herm für die KPD in den Reichstag gewählt, von 1933 bis 1939 und 1939-45 saß er als politisch Verfolgter in verschiedenen Konzentrationslagern (u.a. Buchenwald und Sachsenhausen), nach dem zweiten Weltkrieg wurde Max Herm ingesamt zwei mal Oberbürgermeister der Stadt und hoher Funktionär im Stahlwerk. In Brandenburg wurde nach seinem Tod intensiv darüber nachgedacht, wie man ihn posthum ehren könnte. Vermutlich auch aufgrund seiner Verbindung zum Stahlwerk kam die Idee auf den Tisch, das Stadion der BSG Stahl in „Max-Herm-Stadion“ umzubenennen bzw. dem Stadion erstmals offiziell einen - diesen - Namen zu verleihen. Dem Vernehmen nach waren dies nicht nur lose Gedankenspiele, sondern schon beinahe spruchreife Überlegungen. Woran die Benennung des Stadions nach Max Herm letztendlich scheiterte, war bislang nicht zu erfahren, aber eine interessante Anekdote ist es allemal. Letztendlich wurde eine Straße in Brandenburg nach ihm benannt und Stahl kickte auch weiterhin im nie offiziell so benannten Stahlstadion…