Das Stadion wächst - Stahl in der DDR-Liga

 

Als das neue Jahrzehnt begann, könnte das Stahl-Stadion auf eine mittlerweile 15jährige Geschichte zurückblicken. Baulich passiert ist in dieser Zeit nicht viel, lediglich die Pappeln, die den Stadionwall säumten, waren im Laufe dieser Jahre um einige Meter gewachsen. Zuschauerzahlen von vielen tausend und echte Höhepunkte waren – vom FDGB-Pokal-Finale 1967 abgesehen – bis dato Mangelware. Das sollte sich in den 70er Jahren grundlegend ändern…  

Das Jahrzehnt begann mit einem Quantensprung für den Fußball in der Stadt: die BSG Stahl stieg zum zweiten mal in der Vereinsgeschichte in die zweithöchste Spielklasse, die DDR Liga, auf. Die Gegner hießen ab sofort Lok Stendal oder Energie Cottbus, mit steigenden Zuschauerzahlen war also durchaus zu rechnen. Und dem trug man Rechnung, das Stahlwerk spendierte seiner BSG zum Aufstieg ein erstes größeres Facelifting seit dem Bau 1955 für das Stadion. Eine große Rolle dürfte hierbei bereits Hans-Joachim Lauck gespielt haben, der ab 1970 Direktor des SWB (Stahl- und Walzwerk Brandenburg) wurde und in den folgenden Jahrzehnten einen großen Einfluss auf die Geschicke der BSG Stahl nehmen sollte. So sagte Richard Wernitz von den Stahl-Alte Herren im "11 Freunde" (Ausgabe Juli 2007): "Der hat alles für die BSG gemacht, selbst wenn er dafür politischen Ärger riskiert hat".

Der 29.11.1970 sollte für 9 Monate das letzte Spiel sein, dass im Stadion stattfinden konnte. 4.000 Zuschauer kamen, um sich vom Stadion in der bisherigen Form zu verabschieden und einen Sieg der Stahl-Elf zu bejubeln. Und das konnten sie auch: mit 4:0 wurden die Stendaler wieder nach Hause geschickt. Folgen sollte nun jedoch eine Zeit im "Exil", musste unsere BSG doch für die kommende Rückrunde auf den Werner-Seelenbinder-Sportplatz in Nord ausweichen. Dort setzte es auch direkt mehrere Niederlagen, so dass in den Zeitungen schon vom verlorengegangenen Heimvorteil gesprochen wurde. Aber diese Durststrecke sollte nicht umsonst sein, denn die Zeit wurde am Quenz gut genutzt. Der noch heute von den Fans innig geliebte Sprecherturm entstand in dieser Zeit, bis heute steht er in praktisch unveränderter Form am östlichen Rand der Südkurve. Lediglich ein wenig frische Farbe (gerade erst zu Beginn des August 2011) und die Schaltkästen für die elektronische Anzeigetafel, die 1986 am Träger des Turm angebracht wurden, veränderten bis heute sein Aussehen. In der Südkurve entstanden die ersten 7 Reihen befestigter Stehränge, sie sollten bis 1984/85 die einzigen im Stadion bleiben. Auf der Seite der heutigen Haupttribüne wurden die bereits vorher vorhandenen ca. 800 unüberdachten Sitzplätze begradigt, sie existieren in wenig veränderter Form noch heute. Die wesentlichste Veränderung gab es jedoch auf der Westseite des Stadions: das Stadion erhielt seine erste überdachte Tribüne. Über die gesamte Länge der Geraden zog sich fortan die Tribüne mit 9 Sitzreihen entlang, gestützt von 18 Stahlträgern und eingedeckt mit leicht lichtdurchlässigen PVC Platten. Diese waren noch deutlich heller als die spätere Eindeckung und Rückseite der Tribüne. Der auch heute noch so präsente „STAHL BRANDENBURG“ Schriftzug war daher vorerst in dunkelblau gehalten. Insgesamt fanden ca. 1.800 Zuschauer auf der Tribüne Platz, die für die nächsten 15 Jahre das absolute Schmuckstück des Stadions bleiben sollte. Abgerundet wurden die Bauarbeiten auf dieser Seite durch den komplett neu gestalteten Stadioneingang an der Woltersdorfer Straße. Von diesem Eingang existiert heute leider nur noch der langsam zuwuchernde Treppenaufgang, die Kassenhäuschen sind verschwunden. Diese fielen den Bauarbeiten an der Laufbahn im Jahre 1996 zum Opfer, als die Baufahrzeuge einen Zugang zum Stadion benötigten und ausgerechnet diese Stelle dafür gewählt wurde. Zu guter letzt gab 1971 es auch noch einen neuen Rasen für das Stadion. 

Wie groß das Interesse unter den Stahl-Anhängern am Umbau war, zeigt die Beteiligung von über 150 Teilnehmern am Fan-Forum, das am 12.08. im Stadion stattfand. So erfuhren die Gäste u.a., dass zu diesem Zeitpunkt der Bau einer Flutlichtanlage auf dem Hauptplatz zu diesem Zeitpunkt nicht geplant war, da künftig Spiele unter Flutlicht auf Platz 2 ausgetragen werden könnten. Dieser hatte nämlich bereits eine Flutlichtanlage und wurde im Anschluss an die Bauarbeiten im Stadion von einem Hartplatz in einen Rasenplatz umgewandelt und mit den noch heute existierenden Traversen für 2.500 Zuschauern versehen. Zudem wurde erklärt, dass künftig zu jedem Heimspiel Programmhefte erscheinen würden - ein weiterer Meilenstein, der damals wahrscheinlich noch gar nicht als solcher angesehen wurde... 

Das Fassungsvermögen des Stadions erhöhte sich durch die umfangreichen Arbeiten von 10.000 auf 12.000, davon ca. 2.600 Sitzplätze. Das Stadion avancierte langsam zu dem Schmuckkästchen, das wir heute noch kennen. Die Voraussetzungen für größere Aufgaben in der DDR-Liga waren also geschaffen. Möglich wurde der Umbau wie bereits angedeutet durch die großzügige Unterstützung durch das Stahlwerk und durch die tatkräftige Unterstützung der Stahlarbeiter. Insgesamt wurden unzählige Stunden geleistet, und so dürften auch zahlreiche Stahlwerker voller Stolz auf der Tribüne gesessen haben, als das Stadion am 18.08.1971 wieder für die Fußballer geöffnet wurde. An diesem Tag empfing die BSG Stahl den FC Vorwärts Frankfurt/ Oder, und so wurde dieser 18.08. für gleich zwei Vereine ein historischer Tag. Für Stahl Brandenburg, weil zum ersten mal im neu gestalteten Stadion gespielt wurde. Und für unsere Gäste, weil es das erste Spiel in ihrer „neuen“ Vereinsgeschichte war. Erst am 14.08.71, gerade einmal vier Tage zuvor, erfolgte der Umzug des 6-maligen DDR Meisters Vorwärts Berlin in die Oderstadt. Zu den Hintergründen wird teilweise noch heute spekuliert, am wahrscheinlichsten ist wohl die Theorie, dass der Umzug eine Folge des Vier-Mächte-Abkommens (und somit des 2. Weltkriegs) ist. Die Spieler von Vorwärts Berlin waren Angehörige der NVA, das Vier-Mächte-Abkommen jedoch verbot die Stationierung von Truppen auf dem Stadtgebiet von Berlin. Dass ein gewisser Erich Mielke - Chef des Ministeriums für Staatssicherheit - nebenbei noch Fan des BFC Dynamo war, dürfte wohl der letzte Sargnagel für Vorwärts Berlin gewesen sein, der Weg für den Aufstieg des späteren Rekordmeisters BFC Dynamo war somit geebnet…

Das Spiel gegen die Neu-Frankfurter endete übrigens mit einer 1:4 Niederlage der Blau-Weißen, aber das war an einem Tag wie diesem wirklich nur Nebensache. 

In den folgenden Jahren etablierte sich die BSG Stahl schnell in der zweithöchsten Spielklasse des Landes. Spielte man in der ersten Saison noch um die "goldene Ananas" (es gab keine Absteiger, da die DDR Liga von 2 Stafeln auf 5 "aufgebläht" wurde - trotzdem erreichte Stahl einen Zuschauerschnitt von 2.162), so ging es ab der Saison 71/72 richtig zur Sache. Schon 1972/73 erreichte unsere BSG einen sensationellen 2. Tabellenplatz, doch alles in allem sollte eher das Mittelfeld - mit vereinzelten "Ausreißer-Jahren", in denen gegen den Abstieg gespielt wurde - das sportliche Zuhause werden. 

Einen weiteren Sprung nach vorn mache der Verein ab Mitte der 70er Jahre. Mit Karl Schäffner verpflichtete die BSG Stahl 1978 einen Trainer, der mit Stahl Riesa und Chemie Leipzig bereits Erfahrung in der DDR-Oberliga vorweisen konnte. Und Schäffner war gleich bestrebt, professionellere Bedingungen zu schaffen.Bei Amtsantritt war er sofort bestrebt, Nägel mit Köpfen zu machen, und so entstand während seiner Amtszeit der noch heute bekannte Sozialtrakt hinter Platz 2. Weiterhin erhielt in dieser Zeit nun auch der Platz 3 (der Platz hinter der Südkurve) eine Rasendecke, so dass die Fußballer mit mitlerweile 3 Rasenplätzen, einem auf 12.000 Plätze ausgebauten Stadion und dem Sozialtrakt über hervorragende Trainings- und Wettkampfbedingungen verfügten. Komplett wurde das Gesamtbild des Sadions, wie man es bis zu den anstehenden Umbauarbeiten zum Oberligaaufstieg 1984 kannte, durch das 1974/75 errichtete Arbeiterwohnheim des Stahl- und Walzwerks (dem heutigen Axxon Hotel).

Das Jahrzehnt, das mit dem Aufstieg in die DDR-Liga begann, endete schließlich im Mittelfeld der Liga. Während man in den Jahren zuvor meistens zwischen 1.500 und 2.000 Zuschauer im Schnitt hatte, waren es in der Saison 79/80 nur noch 845. Trotzdem: der Wille, künftig größere Ziele zu erreichen war geweckt, die Infrastruktur vorhanden und die wirtschaftliche Bedeutung des Stahlwerks, das die BSG im Rücken hatte, stieg von Jahr zu Jahr. Die 80er Jahre konnten kommen, der Boden für ein goldenes - ein legendäres! - Jahrzehnt war bereitet...